Endloses Berlin
Gedicht / 24.11.2005
Schön ist’s wenn der weiße Zug
in Spandau bummelt
Speer und Hess
und all die alten Genossen
sind durch den Wind
Frischer Wind auf dem Kudamm
Love Parade schon zuletzt
bald kommt Madonna zeigt
ihr Mündchen aber
Beene hat sie nicht wie damals
die Marlene
ich lieb’ noch immer
ganz für mich
die Kleene
Keine Tränen im Tränenpalast
alles rausgeputzt
am Kottbusser Damm
habe ich sie und mich
durch Börek
warm in der Pfote
beschwert
draussen Emine Aysche
und all die Matronen
konnten sich niemals
cremen und schonen
Filzmantel zugeknöpft
November peitscht
die letzten Blätter auf
pfeift mich weg
zu Nofretete
den Schreibern und Falken
im Alten Reich
Ramses der wievielte
war es doch gleich?
Egal, ich bin auf der Suche
nach all den Kokotten
in ihren Bubikopf-Rücken-
frei Kleidern
ihren Federn und Überwürfen
einmal an Ernst-Ludwig Kirchners
Bildern riechen dürfen
schrillt schon Alarm
zu spät der Wärter wackelt
ich bin durch das Dach
gedackelt fliege mit meiner
quellenden Lust
dieses <Tout Berlin>
von vorne bis hinten
von oben bis untern
durchzuschlürfen
kriege mich dabei
mit Gärtnern
im Dorotheenstädtischen Friedhof
schön in die Wolle
rufe im Haus nebenan
während der Führung
als sie an SEINE
Euripides-Sophokles- Bände
uns vorlässt die Olle
rufe skandiere die Arme oben
(im Bertodt’n’Helene-
Rhythmus der groovies)
“Janz Balin is eene Molle!”
Mehr sag’ ich nicht
bin halb umstellt
die et-cetera-Formel
hat schon wer
der Herr der Streusandbüchse
in die Welt gestellt
sagt kurz und knapp:
“Das ist ein weites Feld”.
(c)Thomas Maurenbrecher / Berlin/Bielefeld
Europa
Gedicht / Mai 2002
Die große Masse Land
so bläulich klirrend hoch im Norden,
geschichtsdurchtränkt im Süden,
ausgeglüht von zahllosen Epochen.
Kykladisch bist du ausgekrochen,
Europa!
Du, junge Frau
Mit gallionsfigurenfesten Brüsten:
Dort in dem Wellenschaum
dem Muskelprotz, dem Stier,
am Rücken
seh‘ ich dich Weib,
so ratlos, furchtlos,
skagerrak- und kattegaterfahren,
Europa, dich, die nicht
mit neuen Münzen klingelt,
euro-global-verrückt.
Nein, dich hatt‘ ich in Moskau damals,
in jener prallen Galerie,
der Tretjakow,
als Sevôurs “Raub Europas”
meerdurchfurchend, angehimmelt.
Jetzt, kurz vor Spitzbergs Packeis,
Bergens Hansakontor durchgeschnüffelt,
von Ibsens Backenbart,
so marmorn, angerüffelt
groll‘ ich mit ihm, mit Henrik,
über dieses wüste
gottvergess’ne Treiben
zwischen so vielen Ananas-
und noch mehr matten Scheiben.
Europa, jung und rittlings,
die strohblond - hennafarb’nen
Haare fließend,
erwache, greif‘ ihn neu,
ob auf dem Stier,
ob auf dem Roß,
ergreif‘ den richtigen Moment
für deines Geistes Schaffen
abgestreift den nationalen Plunder,
erkenn‘ ihn jetzt,
du kennst ihn lang‘ schon:
den Kairós.
(c)Thomas Maurenbrecher / Berlin
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