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Im Mittelpunkt dieses Romans steht die Musikredakteurin Corinna. Sie muß als Studentin von Ostberlin in die Bundesrepublik fliehen, weil ihr die Stasi auf der Spur ist. Es verschlägt sie nach Düsseldorf, aber innerlich verlässt sie nie ihre Heimat Mecklenburg. Dort hat sie in dem Dorf Groß Tiggerow ihre Wurzeln. Permanent weigert sie sich, dem „goldenen Westen“ zuzugehören. Über zahlreiche Schauplätze und Konflikte hinweg hält sie ihre Orientierung durch. Schließlich zerbricht ihre Ehe mit dem Astrophysiker und überzeugten Sozialisten Stefan. Sie kann nicht ertragen, dass er sich in seinem gut bezahlten Job bei IBM allmählich zum hochkarätigen, aber auswechselbaren Experten verformen lässt, in dem sie ihren früheren Stefan kaum noch wieder erkennt. Vier Kinder hin oder her, er setzt sich unter einem Vorwand in die USA ab. Sie schafft es aber, ihre Kinder und sich durch ihre Arbeit beim WDR durchzubringen. Auf zahlreichen Reportage- und Entdeckungsreisen nach Litauen, Bulgarien, Rumänien, die Ukraine recherchiert sie über unbekannte Komponisten, die bisher im Schatten von Beethoven, Brahms und Dvorák standen. Sie bringt diese Künstler in ihren Sendungen und Publikationen heraus. All diese Aktivitäten sind sehr erfolgreich.
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Erzählung / 1998 Mir, Ceyhan Özkabak, ist Istanbul, unsere berühmteste, unsere älteste Stadt, die so viele Sultane, Esel und Wasserverkäufer gesehen hat, mir ist diese Stadt manchmal eine Last. Sie hat mich schon so viel Kraft gekostet, mich, den Sohn armer Bauern weit hinten im Land. Aber ich habe noch viel Kraft, denn ich bin jung, blutjung. Ich habe noch kaum zwanzig Jahre die Steine der Dorfstraßen unter meinen Fußsohlen gespürt. Wenn ich die ersten paar Jahre abziehe, in denen ich klein war und meine Windeln voll machte, so habe ich an die dreizehn, vierzehn Sommer gesehen. Die allermeisten dieser Sommer war ich in unserem Dorf in Mittelanatolien, auf den Feldern, am Fluß, mit den Eltern zum Wochenbazar in der nächsten Stadt. Da habe ich schon früh mitarbeiten müssen, etwa mit acht oder neun Jahren begann es. Alle Jungen machten das so. Und außerdem mußte ich in der Schule lernen, erst einmal schreiben und rechnen und manches andere, auch einige Suren aus dem Koran. Wer zu faul war, spürte den Stock des Lehrers, ich habe ihn auch manchmal gespürt. Meine Mutter backte das beste Fladenbrot im Dorf, da bin ich sicher, sie hatte die Hände dazu, kräftige Knethände. So war einmal mein Leben, jetzt bin ich groß, bin schon einige Sommer hier in der Riesenstadt. Diese Stadt knetet dich wie meine Mutter damals den Brotteig, knetet dich um und um. Ach ja, ich wollte erzählen, warum ich und wie ich hierher gekommen bin. Ich habe ja meinen älteren Bruder, Ramazan heißt er, der ist schon seit Jahren hier, wohnt in ein zwei Zimmern in einer Straße, in der noch viele andere aus unserem Dorf oder zumindest unserer Region wohnen. Er arbeitet bei einem Schuster. Große Bögen hat Ramazan gespuckt, wenn er im Urlaub nach Hause kam, hatte neue Kleider an, spiegelglatt geputzte Schuhe, die alle Männer beim Freitagsgebet in unserer Moschee sahen: Nicht drinnen natürlich, da ziehen wir alle die Schuhe aus, aber danach in der Teestube oder vorher, wenn wir nebeneinander vor der Moschee bei den langen Wasserleitungen sitzen und Ellbogen, Ohren und Nase waschen. Da hat ihm einer gesagt: “Ramazan, du kannst Deine Schuhe glatt benutzen, wenn du dich das nächste Mal rasierst, da brauchst du gar keinen Spiegel!” Das war albern, der hätte nur gern selber solche Schuhe gehabt. Ja und Ramazan brachte uns eine Kaffeemaschine, ein neues Bügeleisen und andere praktische Dinge aus Istanbul mit, wenn er im Urlaub ins Dorf kam. Da habe ich verdutzt geguckt und mir vorzustellen versucht, wie so eine große Stadt aussieht, in der es all diese Dinge zu kaufen gibt: die Straßen, die vielen Menschen, die Geräusche, die Gerüche. Und eines Tages habe ich mir ein Herz gefaßt und ihn gefragt, ob er mich nächstes oder übernächstes Jahr mitnehmen würde, wenn ich die Schule fertig und eine Zeit lang in unserer Gaststätte im Dorf ausgeholfen hätte, die meinem Onkel gehört. Da hat Ramazan erst mit meinem Vater gesprochen und ihn gefragt, was er davon halte. Der hat zuerst geschwiegen und sich die Sache überlegt. Schließlich war er einverstanden, hat aber Ramazan das Versprechen abgenommen, daß er gut auf mich aufpassen würde. So bin ich im übernächsten Jahr mit ihm mitgefahren in seinem alten klapprigen Auto. Die Scheiben schlossen schon nicht mehr richtig, so daß wir uns im Laufe der Fahrt mehrmals im Fluß Gesicht und Hände waschen mußten. Na ja, in seinem Zimmer hatte er bereits ein einfaches Bettgestell gezimmert, in dem konnte ich schlafen. Als ich am ersten Morgen aus dem Fenster schaute, sah ich zum erstenmal diese Unmenge an Kuppeln. Ich hörte die Muezzin, die zu den Gebetszeiten wie in einem großen Frage- und Antwortspiel von den Minaretten herunterriefen. Und die Fährschiffe sah ich bei ihrer Überfahrt zwischen den europäischen und den asiatischen Stadtteilen, wie sie tuteten und ihre großen schwarzgrauen Wolken an den Himmel bliesen. Als ich dann runter in unsere Straße kam und die vielen Geschäfte sah, die gebratenen Auberginen roch, die gerösteten Mandeln, den Pfeffer und die frische Minze, war es mir, als würde ich innerlich im Quadrat springen. In den Straßen waren auch einige Frauen aus Europa zu sehen, junge Frauen zumeist mit neugierigen schweifenden Blicken und Rucksäcken. Mehr oder weniger lange nackte Beine hatten die. Ihre Beine gefielen mir, und zwischen den Rucksackgurten zeichneten sich ihre beiden kleinen Hügel ab. Halbwüchsige Jungen schwärmten um sie herum, hielten ihnen Postkarten und Fläschchen mit aufdringlich duftendem Parfum entgegen und riefen: “Turist, Turist!” Die Frauen mit den blonden oder braunen Haaren, die ihnen lose über die Schultern fielen, achteten nicht darauf, gingen einfach weiter, ein bißchen wiegend waren ihre Schritte wegen der Rucksäcke. Die saßen ihnen wie kleine bunte Gebirge auf dem Rücken. Beim ersten, was ich kaufte, erfüllt ich mir einen alten Kinderwunsch: Bubblegum! Ich hatte das im Fernsehen gesehen, wie die Jungs da ganz locker und so nebenbei einen kleinen Ballon vor ihren Lippen aufgehen und dann zerplatzen ließen. Einfach so blopp!, wie wenn ein unsichtbares Wesen mit einer kleinen Nadel hineingestochen hätte. So etwas wollte ich auch machen. Aber es war viel schwerer als ich mir das vorgestellt hatte. Ich bekam gar nichts zwischen den Lippen heraus. So setzte ich mich erst einmal auf eine Parkbank zu den Tauben und übte, ohne daß mich einer sah und vielleicht ausgelacht hätte. Aber es dauerte fast eine verdammte Woche, bis ich die erste kleine Blase schaffte. Langsam wuchsen meine Blassen zu kleinen Ballons an. Aber ich konnte mich nicht dauernd damit befassen, mußte ich doch für Ramazan einkaufen gehen. Nach ein paar Tagen ging ich mit ihm durch unzählige verwinkelte Gassen und Gäßchen zu einem Frisör, um mich vorzustellen. Der Frisör, ein kleiner hagerer Mann mit einem Schnurrbart, der schon etwas verwittert war, öffnete häufiger seinen Mund, um zu lachen oder zu gähnen; er wollte, wie ich erst später verstand, daß man seine vielen Goldplomben sah. Er betrachtete mich und fragte, ob ich mit einer Schere umgehen und das abgeschnittene Haar am Boden zusammenfegen könnte. Ich bejahte und durfte am nächsten Montag als Praktikant oder Anlernling, eine Lehrstelle gab es nicht, anfangen. Auf Probe, hatte er zu meinem Bruder gesagt, den er wohl von irgendeinem Arbeiterclub her kannte. Da fegte und fegte ich bei dem Barbier mit dem schütteren Schnurrbart, der ununterbrochen redete, den Leuten um den Bart redete, ihnen unter viel Schaumschlagen den Dreitagebart abnahm und jedem das Gefühl gab, daß er, der Kunde, mit ihm, dem Frisör, im Verein in der Lage sei, die Korruption in der Welt zu durchschauen und abzustellen, wenn man sie nur ließe. Aber die Politiker ließen einen ja nicht, das war das Grundübel! Ich hielt Herrn Üzürbulut, meinem Chef, die Schale mit dem Schaum, wenn er rasierte, ich brachte das ordentlich gefaltete Handtuch herbei, wenn die gewaschenen Haare trieften, ich fand den Föhn, der in der Hitze des Tages immer an einer anderen Stelle landete. Unermüdlich steckte ich die verschiedenen Scheren in ihre passenden Halterungen, wenn mein Chef sie benutzt hatte. Und er benutzte sie ausgesprochen gern, immer auch wieder für den Sonderservice. Der bestand darin, daß Herr Üzürbulut den verehrten Kunden wieder einmal die sprießenden Haare in Ohren und Nase kappte. Besonders bei der Nase mußte es eine kleine wendige Schere mit abgerundeter Spitze tun. Denn die Kunden hätten es nicht verziehen, wenn man ihnen aus Versehen die Nasenschleimhaut geritzt hätte. Dann wären sie nicht wiedergekommen, hätten sich womöglich einen Frisör in einem andern Stadtteil gesucht. Ich gewöhnte mich langsam an die abgestandene Luft in unserem Geschäft, denn der Ventilator war schon altersschwach und ächzte manchmal. Ich zählte beharrlich die Goldplomben in Herrn Üzürbuluts Mund, wenn er ihn aufriß wie ein kleines Nilpferd, das hofft, daß man ihm einen Brotlaib oder einen Rodonkuchen hineinwirft. Mit Gegenprobe bei der Mittagspause kam ich schließlich auf die Summe: Es waren sechs Plomben. Mich störte es, daß mein Chef immer noch kein Radio für das Geschäft angeschafft hatte und statt dessen ewig die gleichen Kassetten mit Sängerinnen und Sängern durchnudelte, die ihre Hits vor fünf Jahren oder noch früher gehabt hatten. Ich will dir etwas erklären, sagte Herr Üzürbulut mit ernster Miene: Diese Musik ist für mich Heimat, sie erinnert mich an die Zeit, als mein Schnurrbart noch drahtig und schwarz war und ich zwanzig Samsun am Tag rauchte, nicht auf Lunge natürlich, ohne daß ich so hundsföttisch husten mußte wie heute. Seine Augen wurden glänzend bei diesen Erinnerungen, aber nur kurz, bis er wieder die Schere nahm und sich hinter einen Kunden klemmte. Ich sagte nicht viel dazu, nickte halb und hörte halb weg. Das genügte, mein Chef empfand das als freundliche Geste. In dieser einträglichen Stimmung wurde mein Arbeitsverhältnis nach einem Monat in eine Festeinstellung umgewandelt, allerdings ohne schriftlichen Arbeitsvertrag. Ich war stolz, hatte ich doch endgültig meinen Fuß in diese große Stadt gesetzt. Aber was fand ich denn in Istanbul, wenn ich am Wochenende unermüdlich durch die Straßen und Plätze und über die Brücken zog? Sie war wie eine Aussätzige, nein, wie eine Schöne, deren Glanz schwindet und die das ganze Zeug auflegt, das man in den Kosmetikläden findet, um zu stützen und den Verfall aufzuhalten. Diese Stadt ist befallen von einer nie abreißenden Serie von Baustellen. Du kannst nicht wagen, abends angetrunken und vielleicht mit einem Freund redend durch die Istanbuler Straßen zu ziehen und deine Träume, deine Sehnsüchte rauszulassen. Das Schlimmste wäre es, den jungen Frauen aus Istanbul oder aus Europa nachzuschauen, wie sie sich in den Hüften wiegen, wie schön ihre Hintern sind und wie frei ihr Blick ist, wie sie verhalten oder ausgelassen lachen. Machst du das im Halbdunkel ohne vor dich zu schauen, so könnte das dein Begräbnis einleiten! Die Straßen sind häufig nur schwach beleuchtet, und immer wird irgendwo unter einem Bürgersteig ein neues Kabel verlegt oder ein altes ausgebessert. Diese klaffenden Löcher sind schlecht eingezäunt oder sonstwie markiert, so daß du wirklich in Gefahr bist, in eines von ihnen zu fallen. Die Müllbeseitigung bricht hier und da zusammen oder ist vielleicht schon vor Tagen zusammengebrochen, so daß der Müll, notdürftig in Säcke oder Kartons gepackt, an diesen Stellen herumliegt. Zur Freude der Katzen und Hunde liegt er da, sie zerren an ihm, fahren hinein und zerfleddern ihn. Ich stellte mir vor, daß eines Morgens einer der gefräßigen Bagger mit seinen Hauern eine Hauptwasserleitung träfe und eine riesige Fontäne emporspritzte. In kürzester Zeit wären ein Stadtteil oder zwei oder drei unter Wasser gesetzt. Die behäbigen amerikanischen Nachkriegsschlitten, die Plymouth, Oldsmobile, Dodge oder wie sie heißen, diese beliebten Sammeltaxis, schwämmen darin herum neben den paar Eseln, die man noch braucht, die gemächlich rudern und nach dem Gemüse schnappen, das vorbeigeschwommen kommt. Hin und wieder käme ein Schuhputzer vorbei, der versucht, seinen Holzkasten mit dem ganzen Schuhputzzeug wie eine rettende Planke zu benutzen, und all die aus den Dörfern hergekommenen Frauen und Mädchen hätten endlich ihre Kopftücher abgestreift, könnten halbwegs schwimmen und zeigten ihre kräftigen Haare. Aber das wird wahrscheinlich nie passieren, Allah hat ein Auge darauf. Ich muß weiter mit den rohen Löchern und dem zerfledderten Müll leben. Oder ich lasse mich einfach durch die Stadt treiben und mich von einem der vielen Verkäufer ablenken, die marktschreierisch irgendeine Ware anbieten, immer in der Hoffnung, daß, wer am lautesten ruft und den lustigsten Spruch losläßt, am meisten verkauft. Und dann lache ich wieder, denke an Herrn Üzürbuluts Nilpferdmaul, in das ich jetzt vielleicht einen Karton Lokum schmeiße, und trete an eine Stelle oben auf einem der Hügel, von dem aus ich die Wolkengemälde der Fährschiffe sehe und das dumpfe Tuten durch allen Lärm hindurchhöre. Immer wieder gehen mir die Rufe der Gemüse- und Obsthändler durch den Kopf: ”Tazi domates, sari patates!”, auf deutsch: “Leckere Tomaten, frische Pataten (Kartoffeln)!” oder “Tante, schau‘ mich an, sieh‘ diese Wassermelonen, herrlich!” Und da läuft ein Junge zwischen den Ständen durch, ein Weißblech voll runden Gebäcks auf dem Kopf, alles kleine Atolle. Der Junge zieht seine Stimme in die Länge, um nicht heiser zu werden, wenn er endlos ruft: “Simit, simiiit”, das heißt “Sesamkringel, Sesamkringelll!” Ich stelle mir vor, daß ich auf einer dieser Fährschiffwolken über das Marmarameer reite, ganz langsam und immer wieder erschüttert, wenn dieses Tuten heraufdröhnt. Ich, Ceyhan Özkabak, schließe die Augen, lasse alles absacken und spüre mein Herz, das voller Erwartung schlägt, voller Erwartung auf die trüb gewordene Perle, Istanbul, das ich bisher noch kaum kenne. Istanbul, du bist für mich, der ich den Frauen bisher kaum näherkam, die Schöne, die jeden Morgen mal so mal so aufwacht. Sie räkelt sich ausgiebig, bevor sie sich im Spiegel anschaut, weiß sie doch, daß sie bei allem Plunder, aller Nachlässigkeit ihres Lebens eine Schönheit ist. Istanbul, du hast mich in wenigen Monaten zum Mann gemacht. Mit deinen Verführungskünsten, umflort vom Verwesungsgeruch, hast du mich dazu gemacht. (c)Thomas Maurenbrecher / Berlin/Bielefeld Erzählung Ich habe all mein Frühstückssilber, aus böhmischen Silbererzen getrieben, zu Hause gelassen, meine Eierbecher aus Alt-Meißen, meine geschnitzten Fischbeingabeln für die Scheiben von Leipziger Sülze, die ich liebe, den kleinen Elefanten als Salzstreuer aus hellgrüner Jade - all das, diesen Kulturplunder der Alten Welt habe ich zurückgelassen. Ich habe Ballast abgeworfen, um mit Molly Baby aufzubrechen. Mein Frühstückstisch ist wackelig, ist aus Aluminiumgestänge, und auch mein Stuhl ist nicht besser. Alles nur zusammengenietet. Ich hänge bis über beide Ohren in meiner pinkfarbenen Schüssel mit den Crunchies, die in H-Milch schwimmen und von der Last des braunen gestampften Zuckers halb unter Milch gedrückt werden. Crunchies bis über die Ohren, das wollte ich immer schon --Crunchies ohne Maß und Ziel. Wenn ich mich fürs erste vollgeschlemmt habe, schaue ich auf, schaue ich auf die endlosen Rücken von rotem Sandstein vor mir, über denen sich, ebenso maßlos wie ich, dieser Feuerball erhebt. Großvater Mond und Vater Sonne, ich glaube, so sagten die Indianer, so kommt jetzt mein roter Vater unbarmherzig auf mich zu, schlägt und brennt mich mit seinen Strahlen, seinen Feuerstrahlen, daß ich aufspringe, den Tisch mit der pinkfarbenen Schüssel umstürze, daß die Crunchies ein Staubbad nehmen, daß ich also aufspringe, davonstürze und in dieser gewaltigen Schlucht, dem Grand Canyon, zerschelle. Das wäre das Ende für diesmal. Und ich bin noch nicht einmal satt, nicht satt vom Frühstück und schon gar nicht satt vom Leben. Aber nein, ich halte ein, ich erinnere mich, daß es Molly Baby gibt, im Zelt gibt es sie. Sie liegt da in ihrer Fülle, in ihrem Nachthemd mit Blumen- und Blättermotiven streng und doch harmonisch nach O’Keefe, auf dem Rücken liegt sie jetzt wahrscheinlich, im Morgen dreht sie sich auf den Rücken, sie ist ein bißchen asthmatisch, dann geht’s besser. Ich kann Dich nicht sehen, Molly my Baby, aber ich sehe Dein Stirnband, Deine Sweatshirts und Deine Haarschleifen, die neben dem Zelteingang am Seil hängen. Ich muß vernünftig sein, ich muß kraftvoll sein, wenn Du aufwachst, einer muß ja vernünftig sein. Aber ich weiß es, sweet Molly, es geht bei uns reihum, wer gerade vernünftig ist, ich halte es ja auch gar nicht aus, immer vernünftig zu sein. Heute, das ahne ich, muß ich Deinen Erwartungen standhalten, muß groß und stark sein. So ein Ranger muß ich sein, ein Trapper, auch ein klein bißchen ein Hobo. Eins darf ich nicht sein: langweilig. Denn Du wirst jeden Tag kraftvoller, alles an Dir ist federnd, Molly Baby, die Du jeden Nachmittag mit Deinem Stirnband an der Kante des Canyons entlangjoggst. Für Dich muß ich kein Sieger sein, ich muß nur so aussehen wie einer, der siegen könnte, wenn er wollte. Das ist okay, Molly. Und so ist die Sache klar: Ich werde meinem Frühstück noch einen weiteren Gang folgen lassen. Schnell den Tisch wieder aufgestellt, die schweinchenfarbene Schüssel beiseitegeräumt, die Crunchies in den Staub getrampelt - und zur Ice Box gehen. Die kühlt wieder wie nie zuvor, seit ich vorgestern in Navajo Nostalgic Town neue Batterien für das Kühlaggregat kaufte - alles von diesem japanischen Konzern, der Panzer, Klaviere, Modems und Lollipops mischt, ein Mischkonzern eben. Egal, ich will mich konzentrieren: Türe auf, Alaska-Lachs raus, rein in den Plastikteller (farblich paßt es gut), Mayonnaise dazu und ein paar Scheiben Brot. Jetzt das Klappmesser aufgeklappt, das nach allem doch am besten schneidet. Lachs auslösen, das ist jetzt meine Aufgabe. Schnippschnapp, das ganze rosige Fleisch von diesem Alaska-Trumm in gleichmäßige Rechtecke schneiden, ganz wie in Manhattan. Vielleicht in der Gegend der 26.Straße mit dem Essen anfangen. Tapfer durchkauen, mindestens bis zum Off-Broadway. Dann fertig, den Rest wieder einpacken, zurück in die Box. Lower Manhattan kommt wieder in das kalte. Zahnstocher lasse ich heute aus, nur noch mal einen Schluck Kaffee aus der Thermoskanne. Und dann in meinem Reader über die Mythen, Gesänge und Gebete der Indianer eine Seite mit einem Gebet an den Vater Sonne aufschlagen, das beten. Danach bin ich gerüstet für Dich, Molly my Baby, wenn Du im Zelteingang erscheinst. (c)Thomas Maurenbrecher / Berlin/Bielefeld Erzählung / 1999 Torill war vor neun Jahren auf dieser kleinen Insel geboren worden. Es gab weder Hebamme noch Krankenhaus auf der Insel, die man in der Breite in vierzig Minuten, in der Länge in knapp drei Stunden durchmessen konnte. So hatte Torills Mutter, eine kräftige Bäuerin mit großen Händen und vollem, gekräuselten dunkelbraunen Haar, die Nachbarin zu Hilfe gerufen, als die Wehen stärker wurden. Die war schon darauf vorbereitet, machte heißes Wasser auf dem Herd, tat neue Holzscheite hinein, legte die Laken und Handtücher zurecht und die ausgekochte Stoffschere, um die Nabelschnur zu kappen. Torill kam mit der zweiten Welle von Preßwehen, fast wie eine Rakete schoß sie heraus. Aber das war das einzige, was schnell gegangen war in Torills Leben. Es dauerte ungewöhnlich lange, bis sie auf all die Erzählerchen und Fingerspiele, auf all das Glöckchenanschlagen mit festerem Blick reagierte und nicht nur mit diesem Anflug von Lächeln und dem Drehen des Kopfes wie von ungefähr. Erst ein sorgfältiger Arzt in der nächsten Stadt, schon auf dem Festland, würde Jahre später aufklären, womit diese Merkwürdigkeiten zusammenhingen. Es kommt der Tag, an dem Torill, die sich im Zimmer unzählige Male den Kopf an Tisch- und Stuhlbeinen, dem Lautsprecher vor der Wand und der halboffenen Glastür gestoßen hat, an dem sich Torill, mit einem rotblonden Flaum am Kopf und in ein Anzügelchen aus grober Schafwolle gesteckt, krabbelnd über die offene Türschwelle wagt, den winzigen Abhang zum Terrain draußen halb purzelt halb krabbelt und leicht erschöpft im Gras liegenbleibt wie eine bunte übergroße Schmetterlingspuppe. Die Mutter hat noch zu tun in einem anderen Teil des Hauses, vielleicht im Schafstall, Torill ist sich selbst überlassen. Plötzlich hebt sie den Kopf, zittert vor Anstrengung, wendet ihn langsam hin und her: Sie liegt nur wenige Meter von wolligen Ungetümen entfernt, die Geräusche machen. Sie weiß nicht, daß das eine Schafherde ist, die da grast. Da hört sie die kleinen dumpfen Stöße, wenn die größeren Tiere blöken, und das Continuo der Glöckchen, die man den Lämmern um den Hals gebunden hat. Schon ist Torills Mutter da, stößt einen kleinen Schrei, halb Freude, halb Sorge, aus, nimmt Torill auf. Als sie anfängt, sich an den Möbeln hochzuziehen und versucht, sich auf das Sofa zu hieven, die ersten Schritte zwischen Schrank und Sessel wagt, schwankend wie ein Schiff in schwerer See, fällt auf, daß sie sich fahrig bewegt, manchmal mit ihren Händen danebengreift. Der Vater, ein Fischer, der gern seinen Schabernack treibt und auf seine Weise mit Trollen und anderen Elementarwesen intim ist, der Vater zieht an seiner selbstgeschnitzten Pfeife, während er im Sessel sitzt und meint schmunzelnd: Da hast Du mir zuletzt doch einen kleinen weiblichen Troll geboren, Edda, die sollten wir, wenn sie erst richtig laufen kann, zwischen das Heidekraut und den Ginster lassen, da findet sie sich wahrscheinlich besser zurecht als zwischen unseren eckigen Möbeln! Edda sagte nichts dazu, dachte sich: Geh‘ Du nur wieder auf Deinen schmierigen Kutter zu Deinen Heringen, Lachsen und Makrelen, die hören Deinem Schnickschnack geduldiger zu als ich, gucken mit ihren Glupschaugen und sperren ihre Mäuler auf. Aus meiner Torill wird schon was Rechtes werden, dafür sorge ich. Nun machen wir einen Sprung, denn wir können bei der kleinen Rotblonden unmöglich die Jahresringe zählen wie bei einer Kiefer, um zu sehen, ob es in ihrem fünften Jahr genug geregnet und die Sonne geschienen hat und ob mehr als in ihrem vierten Jahr oder was weiß ich. Ab jetzt wird sie immer schmerzlicher fühlen, daß sie allein ist, denn ihre Geschwister sind doch beträchtlich älter, haben vielleicht schon die Insel verlassen, auf dem Festland oder einer anderen Insel geheiratet oder eine Arbeit gefunden. Die Höfe stehen weit auseinander, die nächsten Kinder sind zu weit weg zum Spielen. Jeden Nachmittag, natürlich nicht in der dunklen Jahreszeit, jeden Nachmittag ließ sie sich wegtreiben vom elterlichen Hof - um ihren Gedanken vom Wind, den Sturmmöwen und Austernfischern oder, in ganz seltenen Fällen, ein paar Kranichen, die hoch über ihr daherzogen, nachzuhängen. Sie fand einige zerfledderte Federn zwischen den glitschigen Steinen am Ufer, stellte sie zu einem Kreis zusammen. Das war ihr kleiner Rittersaal. Die Ritter waren klitzeklein, allesamt waren sie Gnome in Rüstung mit einem Schwert lang wie die Blätter von Maiglöckchen. Sie fand auch kleine daunenweiche Federn, aus denen steckte sie einen Bereich ab, den sie mit Schafswolle aus den Gattern im Stall auslegte: das war das Frauengemach für die Gespielinnen der ritterlichen Trolle. Zwei Paare erfand sie sich mit Namen, Ödün und Heidrun sowie Hjalmar und Gunhild. Das waren ihre Lieblingsritterpärchen, die ersteren blond mit rotgoldener Rüstung beziehungsweise rotgefärbtem langen Kleid aus Schafwolle gestrickt, die anderen mit blauschwarzem Haar und silberner Rüstung beziehungsweise hellgrün gefärbtem Kleid aus weicher Wolle von Merinoschafen. Die vier waren ihr besonders zu willen, die anderen Wichte nannte sie insgesamt ihren Troß und ihren Weiberflor. Kam ihr auf ihren Streifzügen ein Schafsbock zu nahe und senkte angriffslustig den Kopf, so rief sie mit der Kraft ihrer Phantasie die beiden Paare oder nur Ödün und Hjalmar herbei, und die säbelten dem Bock an den Ohren herum, daß er zusammenfuhr und in wildem Schrecken die Flucht ergriff. Als Torills Eltern einmal in der nächsten Stadt auf dem Festland bei der landwirtschaftlichen Genossenschaftsbank und einem Rechtsanwalt zu tun hatten - Termine, für die sie Sonntagskleidung anzogen -, nahmen sie Torill mit, um sie einem Augenarzt vorzustellen. Sie trug bereits starke Brillengläser, die wegen der starken Krümmung glitzerten, denn sie reflektierten einen Teil des Lichts. Doch nach einem Jahr war es meist so, daß Torill schon nicht mehr gut lesen konnte, was die Lehrerin an die Tafel schrieb und trotzig ankündigte, sie würde bald nicht mehr in die Schule gehen, es lohne sich nicht. Der Augenarzt, ein junger Mann, der aus Bergen hierher gezogen war, machte sehr vorsichtig und geduldig seine Untersuchungen. Er sah sich auch genau den Augenhintergrund an und sagte schließlich mit ruhigen bestimmten Sätzen, daß Torill sehr tapfer sein müsse, denn es könne sein, daß es im Laufe der Zeit dunkler vor ihren Augen würde. Als Torill kurz raus mußte, erklärte er den Eltern, sie leide an einer seltenen Form der Netzhautdegeneration, die aber bekannt sei; er könne sie behandeln, um vielleicht eine dramatische Verschlechterung zu verhindern. Man müsse darauf achten, daß ihre Augen nicht durch einen Sturz oder sonst einen heftigen Aufprall einen Schock erlitten, das würde Torills ohnehin labile Netzhaut angreifen. Und zu Torill, als sie wieder hereinkam, sagte er: Du mußt jetzt für Deine lieben Augen sorgen, meine Kleine, Du mußt aufpassen auf die kleinen Äpfelchen in Deinem Kopf, mit denen Du die Wiesen und das Wasser, den Himmel und all die vielen Schafe siehst, daß sie sich nicht stoßen durch Deine Sprünge oder wenn Du von einem kleinen Abhang herunterfällst oder auch nur von einem Steinwall. Torill nickte, aber heimlich rief sie schon jetzt Ödün und Hjalmar zu Hilfe, daß sie sie auffingen, wenn sie einmal fiele - damit nicht am Ende ihre Augäpfelchen herauskullerten und im Rollen Steinchen und Staub aufsaugten, wie frisch gefangene Fische, die aus dem Eimer gesprungen sind. Torill wächst heran, geht bald nicht mehr auf die Zwergschule im nächsten Ort, sondern auf das Gymnasium mit Internat auf einer anderen Insel. Ihre Leistungen in der Grundschule waren gut und in Fächern wie Geschichte, Norwegisch und Erdkunde sehr gut, obwohl sie, in der ersten Bank sitzend, vieles an der Tafel nicht lesen konnte. So hatten sich die Eltern vom Schulrektor überreden lassen, Torill aufs Gymnasium zu schicken, nachdem ein Stipendienantrag vom Ministerium bewilligt worden war. Torill wird in der kleinen Stadt, in der das Gymnasium liegt, neu eingekleidet mit Rock, Jacke und mehreren Blusen. Jetzt ist die Träumerin von Steinen und nochmals Steinen umgeben wie auf dem kleinen Berg mit dem Spiralweg, doch diese Steine sind nicht vom urzeitlichen Eis gewaschen und geglättet. Diese Steine in der Stadt sind meist gebrannt und formen Mauern, Plätze und Straßenpflaster, nur ab und zu gibt es Büsche, Bäume und ein paar Blumen. Torill, deren Sehkraft etwas schwächer geworden ist, fühlt sich zu Anfang unsicher in der fremden Umgebung, hat Angst, anzustoßen oder an einer Böschung hinzuklatschen. Man schickt ihr einen weißen elastischen Blindenstock, mit dem sie sofort die wichtigsten Reviere auskundschaftet, um den auffälligen Stock wieder zusammenzudrücken und einzustecken, nachdem sie sich die abgesteckten Räume eingeprägt hat, Stadtindianerin wider Willen, die sie mit einemmal geworden ist. Was werde ich mich in dieser Steinwüste ausdörren lassen, furchtsam umhertastend? Bin ich denn nicht zu Hause, auf unseren Wiesen mit den Vögeln, den Schmetterlingen und den Fischen im Gespräch gewesen, ganz abgesehen von meinen Freunden, den Wolken? Und meine engsten Freunde, die Trolle, werden mir sicherlich auch auf die Entfernung beistehen, stark sind unsere Gefühle, sie überwinden den Raum vom Bootssteg bis in unser Klassenzimmer! So füllt sich Torill mit Zuversicht an, einer Zuversicht, die aus dem Vertrauen, aus dem Untergrund ihrer Träume emporquillt. Und am Wochenende, oder doch an jedem zweiten Wochenende, fährt sie mit dem Bus nach Hause, der gut fünfzig Minuten über Ebenen und sanfte Hänge und von Zeit zu Zeit an Flüßchen entlang fährt bis zu der Endhaltestelle. Dort holt sie ihr Vater mit seinem Boot ab und bringt sie in kurzer Zeit bis zu ihrem geliebten Bootssteg vor dem Hof ihrer Eltern, dem Holzhaus mit dem steilen Satteldach und dem von Regen und Schnee grau geriebenen Wirtschaftsgebäuden. Hier hängt sie wieder ihren alten Tagträumen nach oder versucht es doch, spürt aber, daß langsam ein Schleier weggezogen wird. Noch ist sie in der Lage, ihre beiden Trollpaare um sich zu versammeln und mit ihnen zu reden, aber es kommt ihr so vor, als ob sich die klingenden und kichernden Gestalten ihrer Kindheit Schritt für Schritt zurückzögen und strengeren, würdevolleren wichen, die man in einem mittelalterlichen Burgsaal sitzen oder in den Gewänden eines gotischen Kirchenportals stehen sieht. Torill ist auch in der Internatsschule oft allein. Den meisten Mitschülerinnen und Mitschülern ist es zu lästig, ständig auf ihre Sinnesbeschränkung Rücksicht zu nehmen, zumal Torill ihren Stolz hat und jedes Mitleid ablehnt. Die wenigen, die bereitwillig für sie einspringen, sind ihr wiederum zu brav, sie haben eben keine Trollseite in sich. Eine junge Lehrerin, die in Torills Klasse Norwegisch unterrichtet und in Torills Aufsätzen ihre Liebe zu den Dichtern spürt, unterstützt sie, erzählt ihr viel über den Zusammenhang der skandinavischen Sagen und Epen und deren Verbindung zu Dichtungen Mitteleuropas. Auch ein junger Pfarrer versucht, sich um sie zu kümmern, doch ihm gegenüber zeigt sich Torill besonders zurückhaltend. Ihre Zurückhaltung rührt daher, daß ihr in ihrer Kindheit der Pietismus mit seinen untergründigen Warnungen vor den Verführungen dieser Welt um ein Haar ihre Unbekümmertheit genommen und sie in eine zögerliche Ängstlichkeit getrieben hätte. Dem hatte sie damals den Riegel ihres Trotzes vorgeschoben und war in ihre träumerischen Schlupflöcher entkommen. Einige Jahre später wird sie solch ehrlich gemeinte Hilfe, die mit der Brüderlichkeit der Menschen Ernst macht, mit der Erklärung zurückweisen, sie sei Atheistin. Das brauchte es für sie, um mit vielen blutigen Nasen an ein unverstelltes Leben nach ihrem Geschmack heranzukommen. Und Torill, Du junge Frau jetzt mit den verborgenen Augen, dem rotblonden festen Haar, das Dir in langen Locken herunterfällt, dem klaren Gesicht, in dem mit Deinen neunzehn Jahren alles ausgeformt ist von der Wölbung der Nase, den sparsamen Augenbrauen, den vollen Backen und dem energischen Kiefer, Du wirst uns jetzt verlassen. Die Zeit im Gymnasium ist zu Ende, und Du wirst nach Oslo zum Studium der Sozialpädagogik und Nordistik gehen. Das bedeutet den Abschied von der umgrenzten Welt Deiner Insel vor der Bucht von Stavanger, von Deinen Trollfreunden, dem Bootssteg und dem Geröllberg. Du bist Dir dieses Einschnitts bewußt, daß Du jetzt ein für allemal alldem entwachsen, daß Du erwachsen bist. Und Du erfindest Dir eine rituelle Handlung, um den Abschied als Deine eigene rite de pasage zu feiern: Da gräbst Du nach Sonnenaufgang am letzten Sonntag vor Deiner Abfahrt nach Oslo mit einem scharfen Stein vom Geröllberg oberhalb des Bootsstegs eine kleine Grube und versenkst darin einen Zettel, auf dem Du in Stabreimen, so gut Du kannst, Deine Gefühle zum Abschied niederschreibst: Wenn wir wandern, Diese Verse versenktest Du, fülltest die Grube wieder auf und gingst in Deine Zukunft. Deine Zukunft, die eingefaßt sein wird vom Kranz Deiner Träume. (c) Thomas Maurenbrecher / Berlin/Bielefeld |
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Die tragische Geschichte eines türkischen Mädchens in Deutschland wird zum Wendepunkt im Leben eines Soziologen. In der Verlorenheit der Fremden in einer ihr nicht gemäßen Welt entdeckt der Intelektuelle, dass er sich selber fremd geworden ist. Die Türkin Songül, "die letzte Rose" einer verblühenden, entwurzelten Kultur fern der eigenen Heimat, wächst in einer deutschen Stadt auf, zerrissen zwischen ihrer patriarchalen Familie, die sie in die Rolle der gehorsamen türkischen Frau drängt, und der glitzernden westlichen Konsumwelt, die ihr die Erfüllung ihrer Sehnsüchte verspricht. Sie verweigert sich ihrer Familie, beginnt zu stehlen, kommt ins Gefängnis, zieht in Diskotheken rum, lässt sich mit Männern ein - und wird schwanger. Zu Hause als Hure behandelt, träumt sie sich fort, versinkt in die Welt der Videos, der Heldinnen der Filme. Sie bekommt Hallzinationen, wird schliesslich schizophren. Abgeschoben in eine geschlossene Station, erzählen nur noch die jährlichen ärztlichen Berichte davon, dass es Songül noch gibt. In der Schizophrenie des Mädchens erkennt der Erzähler die Gespaltenheit seines eigenen Wesens wieder. Als Kopfarbeiter, der die Welt zu analysieren gelernt hat, versteht er doch seine eigenen Gefühle nicht mehr, ist zwar voller Theorie und Gedanken, aber im Grund innerlich leer. Dieses Buch können Sie hier direkt über Email beim Autor bestellen. (Alle anderen Bücher bestellen Sie bitte in der Buchhandlung.)
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Dies ist die Geschichte von zwei Freunden, die Strecken ihres Lebens zusammen gehen. Ihre Freundschaft beginnt in der Schulzeit der beiden, wo Edwin und Mario sich in ihrem gemeinsamen Anderssein von ihren Mitschülern abgrenzen. Und doch sind beide völlig verschiedene Charaktere. Edwin, der "Hansdampf in allen Gassen", lässt sich von seinem Ehrgeiz treiben. Mario hingegen entwickelt sich konsequent: Er studiert Archäologie sowie Ur- und Frühgeschichte und versucht sich als Schriftsteller. Nach der Rückkehr von ausgedehnten Reisen and die Grenzen Europas, bei denen Edwin den Drogen verfällt, versuchen beide, Zugang zur Frankfurter Künstlerszene zu finden.
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Durchhängen, schlecht drauf sein – eine neue Epidemie? Unter der Oberfläche der Fun-Gesellschaft suchen immer mehr Menschen atemlos nach dem Sinn ihres Strampelns um Glücksgüter und Positionen. Im Freundeskreis dieses Romans gibt es all diese „ganz normalen“ Menschen, die plötzlich in die Depression, in den Selbstmord abkippen. Warum? Zwei markante Persönlichkeiten, die aus Rumänien stammende Künstlerin Rachel und der Russe Jewgeni, der über seiner eigenen Psychatrieerfahrung im stalinistischen Russland zu einer spirituellen Lebenssicht gefunden hat, zeigen dem verunsicherten Kreis neue Horizonte auf. Vielleicht werden einige sie aufgreifen.
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„Immer die Münder stopfen, die Strümpfe stopfen, Seelenlöcher stopfen... Und doch spüre ich stark, dass ich in dieser geordneten verampelten Welt diese Wärme... aufzubringen habe. Ich bin diejenige, die die Seelen mit dem abgelauschten poliert, die sonst ein wenig stumpf... vor sich hinpöttern würden.“ Wer ist diese Balussa, die wie die andern auf einem Dromedar durch den Hohen Atlas in Marokko reitet und plötzlich stirbt? Bloß eine liebenswerte Frau? In ihrem Sterben erkennen ihre Freunde, dass mit ihr ein Glanz erlosch. Balussa, schon jenseits, schaut in der geistigen Welt auf ihr Lebenspanorama.
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